
Amerikanische Soldaten tragen einen verwundeten Afghanen in einen Rettungshubschrauber der US-Army. Der Afghane wird in ein Krankenhaus auf dem Militärstützpunkt Kandahar transportiert. Foto: Daniel Etter
Innerhalb einer Woche haben drei große nordamerikanische Publikation Reportagen über Flugsanitäter der US Army veröffentlicht. James Nachtwey hat sie für das Time Magazine fotografiert, Tyler Hicks für die New York Times und Louie Palu hat seine Geschichte im Toronto Star publiziert. Auf BagNewsNotes hat Michael Shaw daher gefragt, ob wir hier einen Erfolg der PR-Abteilung des US-Militärs sehen, die der Öffentlichkeit Bilder von heroischen Rettungsaktionen zeigen und von Kampftruppen ablenken will. Ich war etwa zur selben Zeit mit Flugsanitätern der US Army embedded. Im Militärjargon nennt man sie Medevac – was die Abkürzung für medical evacuation ist. Matt Lutton von Dvafoto hat mich um meine Meinung zu dieser Häufung an Medevac-Geschichten gebeten, die hier ins Deutsche übersetzt ist.
Um es kurz zu machen: Ich glaube, die Annahme von Shaw ist falsch oder zumindest extrem verkürzend. Ich bin an das Militär mit dem ausdrücklichen Wunsch getreten, eine Medevac-Einheit zu begleiten. Während meines Embeds waren in der selben Region mindestens vier Fotografen mit Truppen am Boden unterwegs, aber nur zwei mit Medevacs. Ich war einer davon. Ein zusätzlicher Fotograf hat seine Zeit zwischen Flugsanitätern und Bodentruppen aufgeteilt. Die Leute, die sich nicht um eine bestimmte Einheit bemüht haben, sind bei Bodentruppen gelandet.
Meines Wissens nach haben insgesamt mindestens sieben Fotografen Medevac Einheiten innerhalb eines sehr kurzen Zeitrahmens fotografiert, und ich weiß von einem weiteren, der sein Medevac-Embed kurzfristig abgesagt hat. Dass so viele Fotografen die gleiche Geschichte innerhalb eines sehr kurzen Zeitraums machen, hat mich natürlich überrascht. Noch mehr hat es mich aber überrascht dass New York Times und Time Magazine die gleiche Geschichte so kurz hintereinander veröffentlicht haben. Ersteres zumindest ist relativ leicht zu erklären.
„Starke Bilder, Mann, starke Bilder.“
Mit der Infanterie kann man für Wochen unterwegs sein ohne das irgendwas passiert. Als Fotojournalist will man das nicht – der Beruf bringt einen gewissen Zynismus mit sich. (In Kandahar hat mich ein anderer Fotograf gefragt, ob ich während meines Embeds Amputationen gesehen habe. Ich habe das bejaht, wozu er ein wenig neidisch meinte: „Starke Bilder, Mann, starke Bilder.“) Mit einer Medevac-Einheit kann man ziemlich sicher sein, dramatisch Bilder zu bekommen. Medevacs fliegen genau dort hin, wo sich Bodentruppen Gefechte mit Aufständischen liefern. Etwa jede dritte Mission, die ich begleitet habe war zu einem so genannten POI, dem point of injury irgendwo in der staubigen Ebene rund um Kandahar, der Hochburg der Taliban. Ein Mal war es ein hot POI, was bedeutet, dass während der Evakuierung noch gekämpft wurde: Soldaten brüllen sich Kommandos zu, Verwundete werden in Helikopter geschleppt und Sturmgewehre sind auf unsichtbare Feinde gerichtet. All das spielt sich innerhalb einer halben Minute unter Unmengen von Staub ab, der vom Helikopter aufgewirbelt wird. Visuell dramatischer geht es kaum.

Eine Medevac-Einheit evakuiert den US-Soldaten Dakoto Brumfield aus einerKampfzone in der Nähe von Kandahar, Afghanistan. Foto: Daniel Etter
2008/2009 waren einige bekannte Fotografen im Korengal Tal mit US-Kampftruppen embedded. Darunter waren Tyler Hicks, David Guttenfelder, Tim Hetherington und Adam Ferguson. David Campbell und Gary Knight haben damals über diese auffällige Anhäufung geschrieben. Sie haben die Frage aufgeworfen, ob das Militär den Blick der Öffentlichkeit auf diesen winzigen Teil Afghanistans und weg von andern richten wollte. Jetzt wird die gleiche Frage umgekehrt wieder gestellt. Will das Militär den Blick der Öffentlichkeit von Kampftruppen ablenken? In beiden Fällen bezweifele ich, dass die Antwort ja ist.
Wenn Fotografen entscheiden, welche Militäreinheiten sie begleiten sollen fragen sie andere Fotografen und schauen, was vorher gemacht wurde. Das trifft vor allem auf die zu, die zum ersten Mal ein Embed beantragen. Die wichtigste Frage im Entscheidungsprozess ist: Wo bekomme ich gute Fotos? Was im Prinzip heißt: Wo sehe ich Kämpfe? 2008/2009 war die Antwort Korengal. Im vergangenen Jahr war sie Medevac. Ich gehe davon aus, dass wir in diesem Jahr mehr davon sehen werden. Diese Häufung tritt nicht nur im Embedded Journalism, nicht nur in der Kriegsfotografie und nicht nur in Afghanistan auf, sondern bei ziemlichen jedem Thema, das eindrucksvolle Bilder liefert. Hier in Indien zum Beispiel haben hunderte Fotografen Kushti, das traditionelle indische Ringen, fotografiert.
Ein weiterer Punkt ist, dass ein Medevac-Embed vergleichsweise sicher ist. Zumindest erscheint es auf den ersten Blick sicherer. Am Boden ist man vielleicht für eine Minute. Die meiste Zeit verbringt man auf der Basis. Bei Fußpatrouillen besteht immer die Gefahr, dass man aus heiterem Himmel beschossen wird oder, schlimmer noch, auf eine Mine tritt. Mit einer Medevac-Einheit ist die Chance, dass man beschossen wird, zwar viel größer, aber zumindest muss man die Angst davor nicht den ganzen Tag mit sich rumschleppen. Sicherheit und dramatische Bilder zusammen ergeben ein ziemlich durchschlagendes Argument für ein Medevac-Embed – zumindest, wenn man das ganze pragmatisch betrachtet.
Letzteres, warum drei große nordamerikanische Publikationen in der selben Woche Geschichten über Medevacs veröffentlicht haben, kann ich nicht mit Sicherheit erklären. Ich vermute, dass es Zufall war, was auch die Erklärung eines Sprechers der New York Times ist. Dass es aufgrund von Einflussnahme des Militärs war, kann ich mir schwer vorstellen. Diese Häufung hat davon abgelenkt, dass um die selbe Zeit auch andere, weniger heldenhafte Geschichten veröffentlicht wurden. Etwa einen Monat zuvor hat die New York Times ein Feature über night raids veröffentlicht, die von der Afghanischen Regierung heftig kritisiert wurden.
Das Embed-System ist nicht das Problem

Ein Medevac-Hubschrauber kurz nach der Rückkehr von einer Mission in der Nähe von Kandahar, Afghanistan. Foto: Daniel Etter
Trotzdem glaube ich, dass die Häufung der gleichen Geschichte das Symptom gleich mehrerer Probleme der fotografischen Berichterstattung über die Kriege in Afghanistan und im Irak ist. Dass das größte Problem im Embedded Journalism liegt, glaube ich jedoch nicht. Man muss sich darüber bewusst sein, dass man dabei zum Teil der PR-Strategie des US-Militärs wird. Es gibt definitiv Geschichten, die der Öffentlichkeit vorenthalten werden (Special Forces zum Beispiel). Aber es ist eine extrem offene Strategie und es gibt, innerhalb des Embedded Journalism, wie er von den Amerikanern praktiziert wird, so gut wie keine Zensur. Für die Veröffentlichung von Fotos von Verwundeten muss man deren Einverständnis Einholen, bei Fotos von getöteten muss man mit der Veröffentlichung warten, bis die Familie informiert ist und Militärbasen darf man nicht von oben fotografieren. Niemand schaut aber über deine Bilder. Wenn man sich nicht an die Regeln hält, darf man halt nicht mehr mit. Niemand wird erwarten, dass das Militär mit dem Finger auf Missetaten zeigt, aber es verhindert auch keine negative Berichterstattung. Adam Ferguson hat eine mehrseitige Reportage über eine Infanterie-Einheit im Time Magazine veröffentlicht, die ein 14-jähriges Mädchen getötet hat. Es würde der Debatte in Deutschland gut tun, wenn die Bundeswehr nur annähernd so offen wäre. Bilder, wie die von Ferguson, wären wohl vor Ort von der BW unterbunden worden.
Das größere Problem liegt in den Schwierigkeiten unabhängig aus Afghanistan zu berichten. Es sind nicht Geschichten über kämpfende amerikanische Soldaten, von denen es zu wenig gibt, sondern Geschichten von der anderen Seite und aus der Bevölkerung. Eine große Ausnahme ist die Serie von Ghaith Abdul-Ahad im Guardian. Doch das ist nicht nur gefährlich, sondern auch sehr teuer. Ein Embed kostet nichts. Deshalb entscheiden sich viele freie Fotografen dafür, Geschichten über das amerikanische Militär zu fotografieren.
Fotojournalismus hat Grenzen
Ein anderes Problem, was sich hier zeigt, klingt simpel: Fotojournalismus braucht Bilder. Je dramatischer, desto besser zu verkaufen. Fotografen zieht es nicht ohne Grund in das Korengal Tal oder an Board eines Medevac-Hubschraubers. Sie können dort starke und teils journalistisch wichtige Bilder machen. Aber sie sind eben auf diese Bilder angewiesen und dadurch in der Auswahl ihrer Geschichten begrenzt. Es gibt Themen, die nicht fotografisch erzählt werden können. Und manchmal bleiben die Bilder die gleichen, obwohl die Geschichte eine komplett andere ist. Wie kann man einen Taliban auf einem Foto von einem einfachen afghanischen Bauern unterscheiden?

Flugsanitäter der US-Army begleiten eine Afghanin und ihren Mann in ein Krankenhaus auf dem Militärstützpunkt in Kandahar. Die Afghanin hat Verbrennungen erlitten als der Ofen in ihrer Küche explodiert ist. Foto: Daniel Etter
Meine Entscheidung, eine Medevac-Einheit zu begleiten, war zum großen Teil pragmatisch. Es war mein erstes Embed und, um ehrlich zu sein, hatte ich ziemlichen Schiss. Ich habe nicht geplant, die beste oder eine einmalige Geschichte zurück zu bringen. Und ich glaube nicht an die naive Idee, dass ein Fotograf im Kontext dieses Krieges etwas zum besseren wenden kann. Trotzdem glaube ich daran, dass es notwendig ist Geschichten von dort einem größeren Publikum zugänglich zu machen, um die öffentliche Debatte am Leben zu halten. Nur wollte ich mit etwas anfangen, das relativ sicher erscheint. Ich habe Nachtweys Essay über Militärmedizin in National Geographic gesehen, wo er auch Medevacs begleitet. Das schien eine gute Option zu sein. So einfach. Keine Verschwörung hier.
Text und fotos: Daniel Etter