Die verlorenen Kinder Afghanistans
In Griechenland sitzen tausende afghanische Jungen mit der Hoffnung auf eine bessere Zukunft fest. Sie leben dort unter unmenschlichen Bedingungen. Andere Länder in der Europäischen Union schieben die Verantwortung von sich.
Jeden Tag kommt Zia in diesen Park und wartet auf eine bessere Zukunft. Er vertreibt sich dann die Zeit mit seinen Freunden, überlegt mit ihnen, wie sie an Essen kommen und an Geld. Die Parkbänke sind meist belegt. In der einen Ecke sitzen die Frauen, in den anderen die Männer, am Brunnen in der Mitte spielen die Kinder. Es wird Paschtu gesprochen und Dari und alle anderen afghanischen Sprachen. Die Menschen hier teilen die gleiche Geschichte, die vom Krieg handelt, von der Flucht und der Gefangenschaft, von den Misshandlungen und den Hoffnungen auf ein anderes, besseres Leben. „Jeder betet, dass er so schnell wie möglich aus dem Land kommt“, sagt Zia und meint nicht Afghanistan – er meint Griechenland. Der Park liegt mitten in Athen.
Zia, 16 Jahre alt, Silberblick, Halbwaise, besitzt kaum mehr als was er am Körper trägt: Jeans, T-Shirt, Sandalen. Er ist seit Jahren auf der Flucht. Das erste Mal kam er bis nach Pakistan, das zweite Mal in den Iran, das dritte Mal in die Türkei. All diese Fluchtversuche endeten in der Deportation in die kriegsgeschundene Heimat Afghanistan. Erst beim vierten Mal erreichte er Europa, Griechenland. Aber hier ist nicht das Ziel seiner Reise. Hier hat er nichts, hier schläft er auf der Straße, die Decke geteilt mit anderen Flüchtlingen, in ständiger Angst von der Polizei vertrieben, von Rechtsextremen verprügelt zu werden.
Kein Obdach und kein Asyl
Wie Zia ergeht es tausenden minderjährigen Afghanen in Griechenland – alleine, oft schon seit Jahren auf der Flucht, manche gerade zwölf Jahre alt. 2.648 hat die griechische Küstenwache im vergangen Jahr registriert, wahrscheinlich ist aber eine weit größere Zahl unbemerkt eingereist. Sie schlafen in Gebüschen, Abbruchhäusern oder unter Brücken und hoffen, irgendwie hier weg zu kommen. In Griechenland werden sie sich selbst überlassen. Es gibt kein Obdach und noch weniger Aussicht auf Asyl. Die griechische Regierung hat zwar zugesichert, alle minderjährigen Flüchtlinge in Pflegefamilien unterzubringen, bisher ist das aber nicht geschehen. Und wenn man mit ihnen spricht, macht sich der Verdacht breit, dass die Regierung versucht, dass Problem statistisch zu lösen: Unabhängig voneinander erzählen viele Jungen, dass die Küstenwache sie einfach auf dem Papier älter, volljährig gemacht hat. Mehdi etwa, dem vereinzelt Bartstoppeln wachsen, sagt, er sei 15. In seinen Papieren ist er 27.

Rola, 14, wohnt mit anderen afghanischen Flüchtlingen in einem verlassenen Boot am Hafen von Patras.
Italien wäre schon besser, der Traum aber ist Deutschland, Dänemark, Schweden oder Norwegen: Zia wartet auf einen Schieber, der weniger verlangt als die üblichen vier-, fünftausend Euro für den Menschenschmuggel nach Nordeuropa. Tausend könnte Zia zahlen. Seine Familie in Afghanistan kratzt Geld dafür zusammen, verkauft, was sie nicht unbedingt braucht. Andere Jungen, so erzählen die Flüchtlinge, verkaufen Drogen, von denen sie dann abhängig werden, bieten sich schließlich auf dem Straßenstrich in der Nähe des Gesundheitsministeriums an.
Zias Blick streift immer wieder über den Park. Er ist nervös, hält Ausschau nach der Polizei, die hier in unregelmäßigen Abständen auftaucht, Papiere kontrolliert und die mitnimmt, die nicht hier sein dürfen. Nach ein paar Stunden auf der Wache lässt sie sie dann wieder frei. Wenn sie doch wenigstens ins Gefängnis kämen, da gebe es Essen und eine Unterkunft, meint einer der Jungen. Zia sagt, seine Papiere seien in Ordnung. Doch als er die Polizei erblickt verschwindet er mit seinen Freunden in der nächsten Straße. Er habe keine Lust auf die Kontrolle, sagt Zia, keine Lust auf die ewig gleichen Fragen, keine Lust auf die Demütigungen.
Zusammengepfercht im Kinderknast
Die meisten afghanischen Flüchtlinge nehmen die gleiche Route wie Zia: Iran, Pakistan, Türkei und schließlich über das Mittelmeer nach Griechenland. Vom türkischen Festland bis zur Insel Lesbos sind es nur zehn Kilometer. Dort werden sie in der Regel von der Grenzpolizei aufgegriffen, registriert, müssen ihre Fingerabdrücke abgeben und kommen in das Internierungslager Pagani, wo es Platz für 250 Flüchtlinge gibt, aber tatsächlich bis zu 850 festgehalten werden. Die Zustände dort seien untragbar, sagt das UN-Flüchtlingskommissariat (UNHCR), in einem Raum seien 200 Menschen zusammengepfercht, wegen der schlechten hygienischen Verhältnisse breiteten sich Krankheiten aus. Nach ein paar Wochen, manchmal Monaten werden sie freigelassen und bekommen Aufenthaltspapiere, die für einen Monat gültig sind. Zeit, die ihnen bleibt, das Land zu verlassen oder Asyl in Griechenland zu bekommen. Innerhalb der Europäischen Union dürfen sie das nur in dem ersten Land beantragen, das ihre Einreise nicht verhindert hat. Die Anerkennungsquote lag in Griechenland im vergangen Jahr bei 0,1 Prozent.

In Athen warten hunderte Asylsuchende vor dem Hauptquartier der Polizei. Nur 25 werden vorgelassen. Die restlichen werden morgens um sechs aus der Straße gescheucht.
Es gibt wohl keinen Ort in Griechenland, der das so sehr vor Augen führt, wie eine kleine Straße im Zentrum Athens, die zum Hauptquartier der Polizei führt. In dieser Nacht, wie in jeder anderen, stehen hier hunderte Flüchtlinge an, um Asyl zu beantragen. Sie kommen aus Bangladesch, dem Sudan oder Pakistan. Die ersten in der Schlange warten schon seit mehr als 20 Stunden. Sie erzählen, dass vielleicht 25 überhaupt einen Antrag stellen könnten. Alle hundert Meter stehen Polizeiwagen, deren Blaulichter um kurz nach sechs über die Straße flirren und den Asylsuchenden das Zeichen geben, dass ihr Warten umsonst war. Sie stehen auf, wecken ihre schlafenden Nachbarn und verlassen, getrieben von den Polizisten, die Straße.
Hoffnungen auf Deutschland
Die meisten Afghanen versuchen deshalb gar nicht erst, Asyl in Griechenland zu beantragen. Sie ignorieren das Ausreisedatum auf dem Zettel der Einwanderungsbehörden, versuchen irgendwie nach Nordeuropa zu kommen und hoffen, dass sie nicht wieder nach Griechenland zurück geschickt werden. Die Chance ist gering, aber sie wird größer: Im September hat das Bundesverfassungsgericht die Abschiebung eines Irakis nach Griechenland gestoppt, weil das Asylsystem dort erheblich überlastet sei. 500 Einzelpersonen und Familien, die über Griechenland eingereist sind, wurden in das deutsche Asylverfahren aufgenommen – drei Mal so viele wie im gesamten vergangen Jahr. Auf der anderen Seite steht allerdings, dass sich in diesem Zeitraum auch die Zahl der Rückführungsgesuche an Griechenland auf 1.567 verdoppelt hat.
In der Nähe des Athener Parks liegt eine Bahnhofsbaustelle, die für viele von ihnen zum Zuhause geworden ist. Auf einem vier Meter hohen Stapel Eisenbahnschwellen haben sich Flüchtlinge eine Hütte aus alten Matratzen gebaut. Unter einer Fußgängerbrücke teilen sich fünf Jugendliche ein Bettenlager aus Paletten und Teppichen, das notdürftig mit einer Zeltplane vor Regen und Wind geschützt ist. Sie planen über Mazedonien nach Ungarn zu fliehen. Auf kleinen Zetteln notieren sie, wie sie da hin kommen. Jeder schreibt sich eine eigene Kopie ab.
Zwischen Langeweile und Verzweiflung
Doch das vermeintlich große Tor aus Griechenland ist der Hafen von Patras. Von hier legen täglich Fähren nach Italien ab. An diesem Spätsommertag sitzen hier vor dem Zaun drei afghanische Flüchtlinge. Als gerade keine Polizei zu sehen ist, steht einer von ihnen auf, holt aus dem Gebüsch eine Tüte mit einer Jacke, zieht sie über sein T-Shirt. Links und rechts von ihm postieren sich die anderen und halten Wache. Er schiebt eine Holzlatte durch die Gitterstäbe, klettert an einer niedrigen Stelle auf den Zaun, windet sich durch den Nato-Draht und springt auf der anderen Seite auf das Hafengelände. Hier schnappt er sich die Holzlatte und verschwindet mit ihr unter einem der LKW-Anhänger. Die Latte dient dazu, ihn auf der 21-stündigen Überfahrt nach Italien unter dem Anhänger zu sichern. Es gibt keine Verabschiedung von den beiden anderen. Als er unter dem Anhänger verschwunden ist, setzen sie sich wieder und sehen so gelangweilt aus, als sei es ein täglich wiederkehrendes Ritual.

Ein junger Afghane versucht sich am Hafen von Patras auf eine Fähre nach Italien zu schmuggeln. Sein Versuch bleibt erfolglos. Er wird von Sicherheitskräften gesehen und verscheucht.
Im Lauf des Tages kommen immer mehr Afghanen an den Zaun – an die 50 dürften es sein. Auch die Polizei zeigt sich öfter. Immer wieder versuchen einzelne vor den Augen der Polizisten auf das Hafengelände und unter die Anhänger zu kommen. Viele Flüchtlinge erzählen, dass sie von der Polizei geschlagen wurden, als die sie erwischt hat. Die Chance tatsächlich nach Italien zu kommen, ist verschwindend gering. Einer erzählt, dass er es seit vier Jahren wieder und wieder probiere und es schon oft nach Italien geschafft habe. Doch dort wurde er geschnappt und direkt zurück nach Griechenland verfrachtet. Aus reiner Verzweiflung verdrängen die Flüchtlinge Schläge und gescheiterte Versuche und gehen jeden Tag wieder zu dem Zaun am Fährhafen.
Bis vor drei Monaten gab es in Patras eine Ansammlung von Hütten aus Plastik, Pappe und Holzresten. Fast ein eigener Stadtteil, den die Flüchtlinge sich selbst geschaffen haben. Im Juli kam dann Polizei, hat die Flüchtlinge vertrieben, die Hütten niedergebrannt. Die Afghanen sind in die Olivenhaine an der Stadtgrenze gezogen, die sie den Dschungel nennen.
Taliban oder Flucht
Zaman, 16 Jahre alt, lebt im Dschungel. Seine Familie wurde vor einem Jahr von den Taliban getötet. Als Waise bliebe nur die Wahl zwischen Flucht und Taliban, sagt er. Er hat sich für die Flucht entschieden. Seit drei Monaten ist er in Griechenland. Sein Leben hier besteht aus Essen – wenn es denn überhaupt was zu essen gibt – Schlafen und dem Warten auf die eine Chance, nach Italien zu kommen.
Zaman hat sich in einem ausrangierten Transporter sein Bett eingerichtet. Er teilt ihn sich mit einem Freund. Wobei, Freund könne man nicht sagen, meint Zaman. Sie kannten sich vorher nicht, wissen nicht viel voneinander, sprechen nicht über Persönliches. Es ist eine Zweckgemeinschaft. Sie hoffen, dass das hier nur vorübergehend ist, und jeder seinen eigenen Weg nach Europa finden wird.
Zaman sagt, es würde immer schwieriger werden, sich am Hafen unter einen Hänger zu schmuggeln. Deshalb versuchen viele ihr Glück an den drei Ampeln auf der Zufahrtsstraße nach Patras. Aber auch hier ist die Hoffnung groß und die Wirklichkeit ernüchternd. Polizeistreifen überwachen die Straße. Wenn ihnen zu viele Flüchtlinge an der Ampel stehen, drohen die Polizisten mit Schlagstöcken und Elektroschockern. Meist sitzen die Jungen aber nur gelangweilt rum, unterhalten sich, laufen ziellos von Ampel zu Ampel und irgendwann wieder zurück in den Dschungel. Hat Zaman es schon versucht? Nein, noch nie. Man traut es ihm auch nicht zu, so klein und schmal ist er. „Wir sind durcheinander: Was sollen wir tun?“, fragt er.
„Wir werden wieder kommen”

Ein afghanischer Flüchtling wartet am Hafen von Patras auf seine Chance unbemerkt auf ein Fähre nach Italien zu kommen.
Viele der Flüchtlinge in Patras kehren irgendwann wieder ernüchtert nach Athen zurück. Hier verteilt die Kirche wenigstens jeden Tag Essen, hier können sie in einer Mission duschen und es gibt ein Krankenhaus, wo sie umsonst behandelt werden. Aber die Verzweiflung ist nicht geringer.
Zia, der Junge aus dem Park, sagt etwas, dass wohl viele der afghanischen Jungen in Griechenland sagen könnten. „Ich habe noch nicht verstanden, wo ich bin und was ich hier mache.“ Und trotzdem, sagt er, bliebe ihnen keine andere Wahl. „In Afghanistan haben wir nichts, deshalb werden wir immer wieder kommen.“
Text und Fotos: Daniel Etter / musik: sascha jatho
