Gaddafis Folterkommandos
Polizei und Militär waren dem libyschen Machthaber nicht genug: Um die Revolution in seinem Land niederzuschlagen, setzte er auf besonders brutale Einheiten. Sie sperrten ihre Opfer in Schiffscontainer ein, folterten sie und ließen sie in der Hitze der Container verdursten und ersticken.
Mohanned Berfa starrt geschockt auf das Video auf dem Handybildschirm. Er sieht die Schläge, hört die Schreie. Erinnerungen kommen hoch, die er am liebsten verdrängen würde: Die Schläge galten ihm, die Schreie waren seine. Es ist das Video seiner Folter. Es sind Männer zu sehen, die sich auf dem Boden eines Schiffcontainers wälzen. Ihre Hände sind gefesselt, die Augen verbunden. Daneben stehen ihre Peiniger – Getreue des Machthaber Muamar al-Gaddafi. Sie schreien ihre Opfer an: “Ihr Hunde!” Sie treten ihnen in Bauch und Rücken und schlagen wieder und wieder mit einem Stromkabel auf sie ein. Berfa hält den Anblick des Videos nicht lange aus. “Schließ es”, sagt er in gebrochenem Englisch.

Mohanned Berfa wurde von Gaddafis Kommandos gefoltert. Seine Peiniger haben Videos davon gedreht.
Berfa lebt in Khoms, einer Stadt 120 Kilometer östlich von Tripolis. Seitdem die Stadt sich aus Gaddafis Griff befreit hat, häufen sich hier Hinweise auf systematische Folter durch dessen Regime. Das Video ist nur einer davon: Kürzlich haben Bewohner 16 Leichen in einem Massengrab gefunden. In einem anderen Fall wurden 29 Männern in zwei Schiffscontainern eingesperrt. 18 von ihnen sind erstickt. Die Container stehen auf einer Baustelle, an einem anderen Ort als der, in dem Berfa gefoltert wurde.
In Khoms deutet vieles darauf hin, dass Gaddafi Folterkommandos eingesetzt hat, die außerhalb von Militär und Polizei agiert haben, um die Revolution niederzuschlagen. Der Terror in Libyen ging im Sommer los, als sich die Bewohner gegen das Gaddafi-Regime erhoben, und hörte erst auf als die Rebellen die Oberhand gewannen. Ein Vertreter des Militärrates der Rebellen sagt, die Folter sei eine Strategie gewesen, um die Bewohner einzuschüchtern.
Auf eine Wand an der Baustelle hat jemand ein Graffitti gesprüht: “Soqur Al-Fatah” – “Falken von Al-Fatah”. Es ist eine Referenz an die Al-Fatah-Revolution, die Gaddafi 1969 an die Macht gebracht hat. Darunter steht: “Todesschwadron”. Khoms ist eine durchschnittliche Libysche Stadt mit 200.000 Einwohnern, keine, die für ihre Treue zu Gaddafi bekannt ist. Berfa ist einer der wenigen Männer, die von ihrer Folter berichten können. Berfa wurde entlassen, bevor die Hitze in den Containern so groß wurde, dass die Insassen verdurstet oder erstickt sind. Die meisten anderen sind gestorben, erstickt in den heißen Containern.
20 Tage Durst und Atemnot
Es hat nicht viel gefehlt und Mohammed Ahmed Ali Turhani wäre einer von diesen Toten gewesen. 20 Tage war er mit 18 anderen Männern eingesperrt. Ständig wurden sie gefoltert. “Sie haben aufgehört, Worte zu benutzen, sie haben mich nur geschlagen”, sagt Turhani über seine Wachen. Die frischen Narben auf seinem Rücken zeugen von der Folter.
Turhani hat die Pilgerreise nach Mekka gemacht. Die Menschen sprechen ihn respektvoll mit “Scheich” an. Er war Arabischlehrer. Sein Verbrechen war es, über Politik zu reden, das Regime Gaddafis zu kritisieren. Gaddafis Leute ließen das nicht durchgehen. Eines Nachts war es dann so weit. “Es kamen mehr Leute für mich, als für Bin Laden”, sagt er. Turhani ist 54 Jahre alt, seine Haare sind grau. Er trägt Gebetskappe und ein bodenlanges, goldfarbenes Gewand. Turhani sieht nicht aus, wie jemand, der gewaltsam Widerstand leistet.
Ein Mal haben die Wachen ihn von 1.30 Uhr in der Nacht bis 6.30 Uhr morgens geschlagen, getreten und ihm Elektroschocks verpasst. Er kann sich an die Zeiten erinnern, weil einer der anderen Männer eine digitale Armbanduhr mit Leuchtziffern hatte. Neben ein paar Einschusslöchern im Container war das die einzige Lichtquelle.

In einem Schiffscontainer, dem ort seiner Folter, zeigt Mohammed Tarhuni die Narben, die seine Peiniger ihm zugefügt haben.
Mit jedem Tag in dem Container wurde die Hitze unerträglicher. Turhani sagt, die Wachen hätten den zehn Männern darin nur eineinhalb Liter Wasser pro Tag gegeben. Er habe die Verantwortung darüber gehabt, es zu verteilen. Als sie ihn das erste Mal um Wasser gebeten hätten, habe er abgelehnt. Er wusste, dass sie es noch aushalten können. Auch beim zweiten Fragen, gab er ihnen kein Wasser. Erst als sie das dritte Mal zu ihm kamen, war es soweit. Einen einzigen mit Wasser gefüllten Schraubverschluss gab er ihnen zum Trinken.
Die Rationierung hielt die Männer 20 Tage am Leben. Doch am 6. Juni wurde die Hitze zu groß. Mindestens fünfzig Grad sei es im Container heiß gewesen, erinnert sich Turhani. Die Männer drängten sich um die Einschusslöcher, um frische Luft atmen. Doch es half nichts. Um elf Uhr morgens fielen die ersten in Ohnmacht.
Verzweifelt klopfte Turhani an die Containerwände und flehte um Gnade, er appellierte an die Wachen: “Wir sind Muslime, wir sind Libyer, wir sind Brüder.” Sie zeigten keine Einsicht. Mittags fällt auch er in Ohnmacht. An diesem Tag sterben in seinem Container neun von 19 Männern. Im Container daneben überlebt nur einer von zehn.
“Bestatte mich im Meer, damit ich es kühl habe.”
Die Leichen, die in einem Nebentrakt vom Krankenhaus in Khoms liegen, könnten von einem ähnlichen Vorfall stammen. Sie tragen zivile Kleidung. Der Kopf einer der Körper fehlt. Zeugen hatten gesehen, wie ein paar Wochen zuvor Männer mit Fahrzeugen auf den Friedhof gefahren waren, um dort zu arbeiten. Als die Anwohner Fragen stellten, wurden sie fortgejagt. Erst später, nachdem die Rebellen die Oberhand in Khoms gewonnen hatten, trauten sie sich nachzusehen.

Im Krankenhaus von Khoms liegen unidentifizierte exhumierte Leichen. Es wird vermutet, dass sie Opfer von Gaddafis Folterkommandos waren.
Doch sie konnten keinen der leblosen Körper mehr identifizieren. Und mit jedem Tag wird das schwieriger: Die Kühlkammer des Krankenhauses ist überfüllt. Die Leichen verwesen in einem offenen Raum. Ein paar Räucherstäbchen brennen, um den Gestank erträglicher zu machen. Es hilft kaum.
Muhammed Turhani hat Glück gehabt. Am 6. Juni, nachdem mindestens 18 Männer gestorben waren, wurde er aus dem Container nach Tripolis verlegt. Am 20. August, als die Rebellen dort einmarschierten, wurde er endlich freigelassen. Der Mann, der ihm die Tür öffnete, habe um Vergebung gebeten. Turhani sagt, das habe er getan. “Das ist es, was Muslime tun sollten.”
Doch es fällt ihm schwer, zu den Containern, zum Ort seiner Folter zurück zu kommen. “Ich trauere um die Männer, die umgebracht wurden”, sagt er. Es sei wichtig, dass ihre Geschichte an die Öffentlichkeit gebracht werde. Den Anblick seiner sterbenden Mitgefangen wird er nie vergessen. “Einer hat mir gesagt: ‘Falls ich sterbe, bestatte mich im Meer, damit ich es kühl habe.’”
Text und Fotos: Daniel Etter