Haiti – das Beben
Die Erdstöße in Haiti haben kaum eine Minute gedauert, die Auswirkungen werden für Jahre zu spüren seien.
Während vor der eingestürzten Kathedrale von Port au Prince die Beerdigungszeremonie für den Erzbischof abgehalten wird, steht Carrel Raphael auf der Rückseite der Kathedrale und wendet seinen Blick von den Körpern ab, die noch immer halb unter den Trümmern liegen. Er reibt seine Hände durchs Gesicht, schüttelt sich kurz und widersetzt sich den Erinnerungen an das Leben, das er nicht mehr hat, widersetzt sich dem Gedanken an seine Familie unter den Trümmern seines Hauses.

Carrel Raphael, 47, hat seine Frau und zwei seiner vier Kinder bei dem Erdbeben auf Haiti verloren. Sie wurden unter den Trümmern seines Haus begraben. Sein Schwiegervater gibt ihm die Schuld dafür.
Raphael ist 47 Jahre alt. Sein Haar ist grau und schütter. Er hat seinen Lebensunterhalt als Tap-tap-Fahrer verdient. Tap taps sind bunt bemalte Gemeinschaftstaxis, die sich – meist bis auf den allerletzten Platz besetzt – durch die Straßen Haitis kämpfen. Als das Beben kam, stand Raphael vor seinem Haus und hat versucht, sein Tap tap zu reparieren. Eine seiner Töchter hat auf der Straße gespielt. Es war ihre Rettung. Seine Frau und zwei seiner fünf Kinder haben es nicht geschafft, ins Freie zu fliehen. Sie wurden unter dem Haus begraben, das Raphael mit seinen eigenen Händen errichtet hat.
Die meisten Überlebenden des Erdbebens haben Menschen aus ihrer Familie oder Freunde verloren. Nur viele der Ärmsten blieben verschont. Die meisten der Hütten in den Elendsvierteln, etwa Cité Soleil oder La Saline, hielten dem Erdbeben stand. Dort geht das Leben weiter wie vorher. Frauen verkaufen Gemüse und Fisch auf den Straßen, Kinder spielen Fußball, Gangs bekämpfen sich. Chaotisch, gewalttätig, unerschütterlich.
Raphael will sein Leben in Haiti hinter sich lassen. Er will in die USA. Dort studieren seine älteste Tochter und sein Sohn. Er war schon einmal in den USA. Touristen haben ihn eingeschmuggelt, ihn auf einer Kreuzfahrt in ihrer Kabine versteckt. Er hatte einen Job und konnte seine Familie auf Haiti versorgen. Dann kam der 11. September und die Einwanderungsgesetze wurden verschärft. Raphael wurde abgeschoben.
Das Erdbeben hat Haiti in einer Zeit getroffen, in der es langsam besser wurde, in der die Gewalt zurückging. Es wird noch lange dauern, bis die Städte Port au Prince, Jacmel oder Léogâne wieder aufgebaut sind, bis die Zelte verschwunden sind und die Menschen sich wieder trauen in ihren Häusern zu schlafen. Das Erdbeben hat kaum eine Minute gedauert, seine Auswirkungen werden noch für Jahre zu spüren sein.
Text und Fotos: Daniel Etter