Kaschmir – die vergessene Front
Der Weg zu Frieden in Afghanistan führt durch Kaschmir. Doch im Sommer 2010 scheint eine Lösung des Konflikts in weiter Ferne zu sein. Fast jeden Tag kommt es zu gewaltsamen Ausschreitungen zwischen Steine werfenden Jugendlichen und der Polizei.
Die Seepromenade Srinagars, der Hauptstadt des indischen Teils Kaschmirs, ist an normalen Tagen ein Ort der Ruhe inmitten des Chaos. Ein normaler Tag, das heißt in diesem Sommer, dass die Behörden eine Ausgangsperre verhängt haben, die Separatisten zu Streiks aufrufen und sich irgendwo im Tal Steine werfende Jugendliche Straßenschlachten mit der Polizei liefern. Die Promenade ist an solchen Tagen der einzige Ort in Kaschmir, wo Geschäfte geöffnet sind und an dem man sich frei bewegen kann. Kaschmiri versuchen Touristen Schals, Schmuck oder Teppiche anzudrehen oder sie davon zu überzeugen, in eines der Hausboote zu ziehen, die auf der gegenüberliegenden Seite des Sees vor sich hin dümpeln.
Doch an diesem Abend ist nicht ein Tourist auf der Promenade zu sehen. Dafür schallen Rufe über den See: „Was wollen wir? Freiheit!“ und „Hau ab Indien! Hau ab!“ Die Menschen auf den Hausbooten stimmen mit ein. Kleine Gruppen formieren sich zum Protest. Polizisten stürmen an den Hotels und Restaurants vorbei, feuern Tränengaskanonen und vertreiben die Demonstranten. Nach ein paar Minuten ist die Lage wieder unter Kontrolle. Die aufgeregten Diskussionen darüber, dass der Protest and diesem Abend endgültig auch die letzte Ecke Kaschmirs erreicht hat, bleiben. Und immer wieder sind die Rufe nach Freiheit zu hören.

Fast jeden Tag liefern sich Steine werfende Jugendliche Straßenschlachten mit der Polizei.
Ein gewaltsamer Sommer in Kaschmir hat in den vergangenen Tagen einen neuen, traurigen Höhepunkt erreicht. Mehr als 20 Menschen sind in dieser Woche bereits ums Leben gekommen und 70 wurden verwundet. Mitte Juni hat die Polizei einen 17-jährigen Jugendlichen mit einer Tränengaskanone am Kopf getroffen und getötet. Seitdem kam es fast täglich zu Ausschreitungen zwischen Demonstranten und Polizei. Die eine Seite wirft, die andere antwortet mit Gewehren. Fast 100 Menschen sind dabei ums Leben gekommen – teils Unbeteiligte, teils Demonstranten. In dieser Woche hat der erste Polizist sein Leben verloren.
Die Ausgangsperren haben sich mit kurzen Unterbrechungen über die vergangenen drei Monate hingezogen. In diesen Tagen sind sie besonders strikt. Srinagar gleicht einer Geisterstadt. Alle Geschäfte sind verrammelt, streunende Hunde machen sich auf den Straßen breit, die Polizei hat sich an jeder Ecke postiert. Zeigt sich doch ein Zivilist auf der Straße, vertreiben ihn die Polizisten mit wütenden Rufen und erhobenen Schlagstöcken. Selbst Krankenwagen wurde die Durchfahrt verweigert. Der Flughafen ist zum ersten Mal seit über zehn Jahren gesperrt. Über die Ausgangsperren hinaus hat Delhi keine Strategie, wie Kaschmir zur Ruhe kommen kann.
„Der Weg zu Frieden in Afghanistan führt durch Kaschmir.“
Und das ist nicht nur schlecht für die Menschen in Kaschmir, sondern auch für die Lage in Afghanistan. So sagt etwa Joschka Fischer, dass die Lösung des Kaschmirkonflikts Ziel einer neuen Afghanistankonferenz seien müsse. Deutlicher ist Mirwaiz Umar Farooq: „Der Weg zu Frieden in Afghanistan führt durch Kaschmir.“ Er ist der Kopf des moderaten Flügels der All Parties Hurriyat Conference, einer Vereinigung separatistischer Gruppierungen in Kaschmir.
Die Überlegung, die hinter diesen Aussagen steht, ist folgende: Bei allen Widersprüchen um eine erfolgversprechende Afghanistanstrategie, herrscht weitgehende Einigkeit darüber, dass die Unterstützung Pakistans unerlässlich ist. Doch für Pakistan ist der Konflikt mit Indien bis heute wichtiger als Stabilität in Afghanistan. Der Großteil des pakistanischen Militärs ist an der Grenze zu Indien positioniert. Und das, obwohl sich die Extremisten in den unzugänglichen Bergregionen an der afghanischen Grenze weiter ausbreiten und eine Gefahr für die Stabilität in Pakistan sind.
Außerdem konkurrieren Indien und Pakistan um Einfluss in Afghanistan. Indien engagiert sich dort zwar nicht militärisch, hat dem Land aber 1,3 Milliarden US-Dollar an Aufbauhilfe zugesagt. Die derzeitige Afghanische Regierung tendiert eher zu Indien als zu Pakistan. Würde die derzeitige Afghanische Regierung tatsächlich die Kontrolle über das gesamte Land gewinnen, wäre Pakistans Einfluss dort auf ein Minimum reduziert. Auch deshalb scheut sich Islamabad zu hart gegen die Aufständischen an der Grenze vorzugehen. Der Hauptstreitpunkt zwischen Indien und Pakistan bleibt Kaschmir.
2004 haben Indien und Pakistan Gespräche über den Status von Kaschmir aufgenommen, einen Friedensprozess eingeleitet. 2008, als pakistanische Terroristen bei dem Anschlag in Mumbai mehr als 200 Menschen ermordeten, kamen sie zu einem abrupten Ende. Seit Anfang dieses Jahres sprechen die beiden Atommächte wieder miteinander, aber eine diplomatische Lösung ist mehr als fraglich. Zu lange dauert der Konflikt, zu verhärtet sind die Fronten.
Verpasste Chancen
Und selbst wenn Indien und Pakistan zu einer Übereinkunft kommen sollten, die Bevölkerung in Kaschmir wird kaum damit einverstanden seien. „Die Stimme der Bevölkerung ist eindeutig: sie wollen Unabhängigkeit“, sagt Farooq. Die Kaschmiri würden sich nicht mehr mit mehr Rechten, mit Selbstverwaltung oder mit einer Teilautonomie zufrieden geben. Die Chance habe Indien verpasst.
Als Indien Unabhängigkeit von den britischen Kolonialherren erlangte und sich Pakistan von Indien trennte, blieb der Status von Kaschmir offen. Ein Plebiszit sollte darüber entscheiden. Dazu kam es aber nie. Farooq spricht sich dafür aus, dass dieses Plebiszit jetzt abgehalten werden soll und über die Zukunft Kaschmirs entscheiden soll: Status quo, Anschluss an Pakistan oder Unabhängigkeit. Wie zur Bestätigung Farooqs dringen über die hohen Mauern um sein Haus die Rufe nach Freiheit. Studenten der nahegelegenen Universität demonstrieren dagegen, dass sie seit Monaten keine Seminare mehr haben und Prüfungen auf unbestimmte Zeit verschoben werden. Der Protest gegen die schlechten Studienbedingungen wird zum Protest für Unabhängigkeit.
Falls Kaschmir jemals so weit kommen sollte, wird Farooq in einem neuen Staat vermutlich eine entscheidende Rolle spielen. Doch wie er seine Rolle dabei sieht, verschweigt er. „Es geht nicht um Personen“, weicht er aus, sondern darum eine dauerhafte Lösung für den Konflikt zu finden.

Kaschmiris hören sich eine Rede von Mirwaiz Umar Farooq in der Freitagsmoschee in Srinagar an. Farooq ist einer der populärsten Führer der Unabhängigkeitsbewegung.
Farooq ist stets perfekt gekleidet. Er ist eloquent, gebildet und überaus populär in Kaschmir. Seine Popularität zieht er daraus – und das gibt er selber zu –, dass er religiöser Führer der Muslime in Kaschmir ist. Mirwaiz ist der traditionelle Titel dafür. Seit 300 Jahren wurde er in seiner Familien von Generation zu Generation weiter gegeben. Farooq hat das Amt übernommen als er 16 Jahre alt war. Damals, 1990, haben unbekannte Terroristen seinen Vater umgebracht. Farooq ging zu der Zeit auf eine christliche Schule – und plötzlich war er Vorbeter der größten Moschee in Srinagar. „Ich wusste kaum etwas über den Koran und doch haben mir tausende Menschen zugehört“, sagt er.
Kaschmir, das ist nicht nur das mehrheitlich muslimische Tal, sondern auch die buddhistisch geprägte Hochgebirgsregion Ladakh und der mehrheitlich hinduistische Distrikt Jammu. Wäre es nicht sinnvoller, Kaschmir aufzuteilen und Jammu an Indien anzubinden, um Spannungen zu vermeiden? „Das wäre eine Trennung entlang religiöser Linien.“ Und Farooq sträubt sich dagegen, den Konflikt als religiös zu definieren. Es sei ein regionaler Konflikt, deshalb müsse eine Lösung auch die gesamte Region umfassen.
„Wir wollen ein gutes Beispiel für einen mehrheitlich muslimischen Staat schaffen.“ Ein sekulärer Staat, in dem auch Hindus, Muslime und Buddhisten ein Zuhause finden. Nicht wie Saudi Arabien, nicht wie Ägypten. Die Kaschmiri seien sehr sekulär eingestellt. Die grünen Flaggen, die auf den Demonstrationen geschwenkt werden, seien weniger Bekenntnis zum Islam als ein Symbol gegen Indien. Aber es gibt ihn, den religiösen Fundamentalismus in Kaschmir. Bei Protesten gegen die geplante Koranverbrennung des evangelikalen Pastors Terry Jones, zündeten Demonstranten eine christliche Schule an.
Die Ikone des Widerstands
Dem anderen, dem radikalen Flügel der All Parties Hurriyat Conference steht Syed Ali Geelani vor. Während Farooq zu Kompromissen mit Indien bereit ist, ist Geelani ein Rebell und ein Sturkopf und nicht willens zu reden, so lange seine Vorbedingungen nicht akzeptiert werden. Vor allem für die Jugend in Kaschmir ist Geelani wegen seiner Kompromisslosigkeit eine Ikone für den Kampf um Freiheit und Selbstbestimmung geworden. Das Paradoxe daran ist, dass sich Geelani für einen Anschluss Kaschmirs an Pakistan ausspricht und damit im Widerspruch zur Mehrheit der Kaschmiri steht.

Im Sommer 2010 sind über 100 Menschen durch die Sicherheitskräfte getötet worden - die meisten davon unbewaffnete jugendliche Demonstranten. Mohammad Salim, 19, wurde laut Angaben seiner Familie von einer Schrotkugel im Auge getroffen als die Polizei auf Demonstranten geschossen hat.
Wenn Geelani nicht gerade im Gefängnis sitzt, halten die Behörden ihn unter Hausarrest fest. Trotzdem kann Delhi ihn nicht bändigen. Die Bevölkerung Kaschmirs folgt seinen Worten. Ruft er zu Protest auf, gehen zehntausende Menschen auf die Straße. In dieser Woche hat Geelani einen neuen Streikkalender veröffentlicht: Tagsüber sollen die Kaschmiri streiken und nachts arbeiten. Zehn Tage lang. Nichts Ungewöhnliches. Aber dann das: Dienstag sollen die Proteste vor den Militärlagern stattfinden. Bisher richtete sich der Protest gegen die Polizei und die paramilitärischen staatlichen Sicherheitskräfte. Ein Marsch vor die vor die Militärlager ist eine bisher nicht gekannte Eskalation. Die indische Regierung reagiert mit der Ankündigung die Ausgangssperre mit Hilfe des Militärs durchzusetzen.
Geelani will seinen Plan erläutern. Er hat die örtliche Presse zu einer Konferenz eingeladen, doch die Polizei lässt niemanden zu seinem Haus vor. Geelani hält seine Pressekonferenz ohne Journalisten, alleine vor einer Kamera. Sie wird über Youtube und Facebook verbreitet. Momentan wird in Delhi über Kaschmir beraten. Man will alle Parteien an einen Tisch holen und versuchen, die Krise durch Dialog zu lösen. Als Geelani in dem Video auf das Dialogangebot zu sprechen kommt, bricht er seine Ansprach ab, schweigt für einige Sekunden, reißt sich schließlich das Mikrofon von seinem Hemd und verlässt wütend den Raum.
Der Druck der Steinewerfer
Dass es überhaupt so weit gekommen ist, dass Delhi Dialog anbietet ist laut Farooq dem Protest auf der Straße zu verdanken. „Die Steinewerfer haben so viel Druck aufgebaut, dass Delhi etwas unternehmen muss.“ Friedlicher Protest, wie sein Flügel der Hurriyat Conference ihn propagiert, hätte bisher keine Ergebnisse gebracht. Momentan berät die indische Regierung zudem über den so genannten Armed Forces Special Power Act, der dem Militär weitgehende Immunität gegenüber Strafverfolgung gibt. Farooq sagt, dass sei nichts weiter als PR, schließlich würde das Militär nur in Ausnahmefällen in Kaschmir eingesetzt. Für einen aussichtsreichen Dialog müsse Delhi neben dem Armed Forces Special Powers Act weitere Gesetzte abschaffen, die etwa Festnahmen ohne Haftbefehl erlauben, tausende Menschen aus dem Gefängnis frei lassen und das Militär aus den Städten abziehen.
Es gebe durchaus Spannungen innerhalb der Separatisten, aber sie seien vereint in ihrem Widerstand gegen Indien, sagt Farooq. Und was passiert, wenn dieser kleinste gemeinsame Nenner wegfällt? Wenn es tatsächlich Unabhängigkeit für Kaschmir geben sollte? Was passiert, wenn sich ein unvermeidbares Machtvakuum auftut? Farooq vertraut darauf, dass der Übergang zu einem neuen Staat friedlich verlaufen wird. Eine optimistische Vorhersage, aber auch eine sehr hypothetische, denn dass Delhi sich von Kaschmir trennen wird, ist mehr als unwahrscheinlich. Die Region ist wichtig für die Wasserversorgung Indiens und Pakistans. Die Opposition würde es als Schwäche der Regierung auslegen. Und Indiens Erzfeind Pakistan würde versuchen seinen Einfluss in Kaschmir auszuweiten.
Die indische Regierung hofft vermutlich, dass der Winter dieses Jahr früh einzieht, die Kälte das Tal zum Erliegen bringt und die Rufe nach Unabhängigkeit verstummen. Bis der nächste Sommer kommt.
Text und Fotos: Daniel Etter