Gaddafis Geisterstadt

Tawargha lag zwischen den Fronten der libyschen Revolution – Misrata im Norden und Sirte im Süden. Bis August lebten hier 25.000 dunkelhäutige Libyer. Unter Gaddafi waren sie Diskriminierung durch die restliche Bevölkerung ausgesetzt. Gaddafi hat sich ihre Loyalität erkauft. Viele von ihnen haben für ihn gekämpft. Misrata wurde von hier angegriffen. Aus Angst vor Racheaktion der Rebellen sind die Tawarghis aus ihrer Heimatstadt geflohen. Heute werden sie willkürlich bedroht und verfolgt.

Tawargha, Libyen, noch wird gekämpft, noch lebt Gaddafi, doch so sieht die Niederlage aus: Ein weißer Toyota zieht einen zerbeulten Pickup durch die Straßen. Es ist ein bizarres Gespann. Die beiden Männer in den Autos ziehen von Haus zu Haus und suchen nach Verwertbarem. Auf der Ladefläche des Pickups liegen zwei alte Fernseher. Die meisten Häuser sind schon geplündert und wie die Autos am Straßenrand ausgebrannt. In den Hinterhöfen verdorren die Obstbäume. Eine Ziegenherde zieht durch die staubigen, ansonsten menschenleeren Straßen. In einem verwüsteten Wohnzimmer haben sich Hühner niedergelassen, in einem anderen liegt ein Hundeskelett eingerahmt von Plastikblumen. In den Häusern finden sich Ausweise und Uniformen von Soldaten Gaddafis. Auf Dach um Dach weht noch die grüne Flagge seiner Revolution. Die Szenerie scheint wie ein Warnung: Das ist was passiert, wenn ihr auf der falschen Seite steht.

Fast alle Häuser in Tawargha sind geplündert und ausgebrannt.

Viele Häuser in Tawargha sind geplündert und ausgebrannt. Und auch nach Gaddafis Tod wird die Stadt weiter verwüstet.

Tawargha ist eine Retortenstadt an der Küste Libyens. Im Süden liegt Sirt, im Norden Misrata. 25.000 Menschen lebten hier vor der Revolution. Die Bewohner waren vor allem dunkelhäutige Libyer. Ihre Vorfahren wurden als Sklaven hierher gebracht, um für die Bewohner Misratas zu arbeiten. Manobia Mahjouk, 61 Jahre alt, Mutter von zehn, Großmutter von fünf, stammt aus Tawargha. Sie gibt offen zu, auf welcher Seite die Menschen hier während der Revolution standen: „Wir haben Gaddafi unterstützt, weil wir uns sicher fühlten. Wir haben Gaddafi nicht geliebt. Wir haben den Frieden und die Sicherheit unter ihm geliebt.“

Die Tawarghis lebten am unteren Rand der libyschen Gesellschaft, sie wurden ausgegrenzt und diskriminiert. Gaddafi hingegen hat sie beschützt und gefördert. Sie haben günstige Kredite bekommen, um sich Wohnungen oder Häuser in den Neubausiedlungen zu kaufen. In dem paranoiden Machtsystem Gaddafis war es ein logischer Schritt: Die Loyalität einer diskriminierten Minderheit erkaufen, um sich vor der Unzufriedenheit der Mehrheit zu schützen. Mit dem Fall Gaddafis nahm die Sicherheit und Prosperität für die Tawarghis ein jähes Ende. Aus Angst vor Racheakten der Rebellen sind sie alle aus der Stadt geflohen.

“Tawargha, ihr Verräter”

Dunkelhäutige Libyer und Migranten aus sub-Sahara Afrika sind in diesen Tagen in Libyen pauschaler Verdächtigung ausgesetzt. Weil einige von ihnen Gaddafi-Loyalisten waren, werden viele andere willkürlich festgesetzt, diskriminiert und misshandelt. In Tawargha ist diese pauschale Verurteilung ins Extrem getrieben, denn von hier aus wurde die Nachbarstadt Misrata für Monate bombardiert und die Versorgungswege aus dem Osten abgeschnitten. 2.000 Menschen sollen dabei laut Libyschem Übergangsrat umgekommen seien.

Mit Hilfe der NATO haben die Rebellen schließlich die Loyalisten besiegt. Das war Mitte Mai. Der Kampf um Misrata war eine der entscheidenden Schlachten des libyschen Bürgerkriegs, und die Brigaden der Rebellen aus Misrata rühmen sich heute mit diesem Sieg. Den Menschen aus Tawargha verurteilen sie und viele Libyer heute pauschal für das Leid, das Misrata erfahren musste.

Drei Monate später sind die Rebellen in Tawargha einmarschiert. Der Verwüstung nach zu urteilen, war der Hass auf die Menschen hier groß. Ihre Häuser sind besprüht: „Tawargha, ihr Hunde“, „Tawargha, ihr Verräter.“

Barfuß geflohen

Die Bewohner sind überhastet geflohen. Viele Regale in den Küchen sind noch voller Vorräte. Der Strom ist ausgefallen. Aus einem Gefrierschrank strömt der Gestank von verwestem Fleisch. Am 12. August seien alle zusammen aus der Stadt geflohen, sagt Manobia Mahjouk. Sie trägt ein traditionelles, buntes Kleid, wie fast alle Frauen hier. Es ist alles, was sie aus Tawargha mitnehmen konnte. „Ich bin mit nichts mehr als diesem Kleid geflohen.“ Barfuß.

Rebellen patroullieren in Tawargha.

Rebellen patroullieren in den Straßen von Tawargha. Sie sind auf der Suche nach den letzten verbliebenen Gaddafi-Loyalisten.

Die einzigen Menschen, die man in Tawargha neben Plünderern antrifft, sind Rebellen. Während des Kampfes um Sirt hat sich eine Gruppe in einem Mehrfamilienhaus am Rande der Stadt eingerichtet. Sie kamen hier hin, um sich zu erholen, spielen Kicker und versorgen sich im Waffenlager in einem der Wohnzimmer.

Eine Gruppe von ihnen patrouilliert in der Geisterstadt. Sie fahren einen Geländewagen mit abgeschnittenem Dach, der in schwarz, grün und rot angemalt ist – den Farben der Revolution. Auf der Motorhaube klebt ein Bild von einem kahl rasierten Gaddafi. „No more shafshufa!“, sagt einer – es ist vorbei mit dem Lockenkopf. So nennen die Rebellen Gaddafi.

Hussein, der Anführer, hat selber wilde Locken. Er zeigt Spuren des Kampfes hier. Einen Hühnerhof etwa, von dem aus Gaddafis Soldaten Misrata beschossen hätten. Sie haben Matratzen und Waffenkisten zurückgelassen. Auf einem Zaunpfahl hängt ein durchschossener Kampfhelm.

„Wir haben ihnen schlimme Dinge angetan”

Die geflohenen Tawarghis haben sich bei Verwandten versteckt oder sie leben in provisorischen Flüchtlingslagern. Auf einer Baustelle für ein Einkaufszentrum in Tripolis etwa. Die Arbeiten daran wurden während der Revolution eingestellt. Knapp 1.800 Flüchtlinge leben in den ehemaligen Arbeiterunterkünften. Mahjouk, ihr Mann und der Rest ihrer Familie haben hier Zuflucht gefunden. Sie trauen sich nicht auf die Straße. Zu groß ist die Angst vor den Rebellen. Viele Tawarghis, die sich doch aus dem Lager getraut hätten, seien nie zurück gekommen.

In einem Flüchtlingslager in Tripoli kochen Frauen aus Tawargha über offenem Feuer Abendessen.

In einem Flüchtlingslager in Tripoli kochen Frauen aus Tawargha über offenem Feuer Abendessen.

„Wir haben ihnen schlimme Dinge angetan und sie haben uns schlimme Dinge angetan“, sagt Manobia Mahjouk. Sie meint die Menschen aus Misrata und die Rebellen auf Rachefeldzug. Aber das sei Vergangenheit. „Alles was ich will ist Frieden und nach Hause zurück zu kehren.“ Aber die Aussichten dafür sind düster. Noch nach dem Tod Gaddafi ziehen Plünderer durch ihre Heimatstadt, noch immer werden Häuser in Brand gesetzt.

Der Hass auf die Twaraghis scheint noch nicht gestillt.

Text und Fotos: Daniel Etter