
Im Abu Salim Krankenhaus in Tripolis kümmern sich Freiwillige um Leichen, die dort vermutlich vom Krankenhauspersonal zurück gelassen wurden.
Es ist ein verstörendes Bild, das sich im Abu Salim Krankenhaus in Tripolis bietet. In der Auffahrt, im Foyer, im Keller: überall verwesen Tote auf Krankenliegen. Der Gestank ist unerträglich. Vielleicht wurden sie vom fliehenden Krankenhauspersonal zum Sterben zurück gelassen, vielleicht wurden sie in ihren Betten exekutiert. Niemand weiß es genau. Aber hier zeigt sich, wie erbarmungslos in den letzten Tage der Revolution in Libyen gekämpft wurde.
Inmitten dieser grausigen Szenerie drängen sich Fotografen um das beste Bild. Ich bin einer davon, aber nur widerwillig fotografiere ich die Szene. Es kommt mir unangebracht, voyeuristisch vor. Nach einer halben Stunde verlasse ich das Krankenhaus.
Auf Facebook gibt es eine Gruppe, die sich an alle wendet, die unbewaffnet in den Krieg ziehen. Einige Menschenrechtsaktivisten sind Mitglieder, aber vor allem Schreiber und Fotografen. Der Namen der Gruppe ist „The Vulture Club“. Für den Außenstehenden würden die Fotografen im Abu Salim Krankenhaus genau so erscheinen – wie eine Gruppe Geier. Auch auf mich scheint das in den langen Momenten, in denen ich dort stehe, so.
Das romantisierte Image des Kriegsreporters und insbesondere des Kriegsfotografen ist, dass er oder sie sich in solche Situationen begibt, um sie zu dokumentieren und mit diesen Dokumenten Veränderung herbei zu rufen. Aber diese Idee rückt moralische Dilemma beiseite und verschleiert die eigentliche Motivation.
Denn sie ist für den Einzelnen oft trivial und angesichts der beschrieben Szene erscheint sie fast zynisch, sie ist weniger altruistisch als egoistisch: Abenteuerlust. Krieg ist aufregend, Krieg bringt Extreme menschlichen Handelns zum Vorschein. Außerdem bietet er die dramatischsten Bilder. Und genau danach jagen viele Fotojournalisten.
Doch über diese persönliche Motivation hinaus muss es eine Legitimation geben, um die halbe Welt zu fliegen um Krisen, Kriege und Katastrophen abzubilden. Ich muss vor mir selber und vor anderen rechtfertigen können, warum es wichtig ist, dass ich mich in solche Situationen begebe und sie fotografiere; warum ich meine Familie ständig in Sorge versetze; warum ich mehr bin als ein Voyeur, der am Leid anderer verdient.
Fotografen werden oft dafür kritisiert, dass sie zu viel zeigen oder dass sie Elend ästhetisieren. Ich kann mich nicht an ein Essay, nicht an eine Debatte erinnern, in welcher diese Kritik an der schreibenden Berichterstattung aufkam. Schreiber und Fotografen können in Kriegssituationen einen sehr ähnlichen Job machen. Die Unterschiede in der tatsächlichen Arbeit sind oft nur graduell. Der ausschlaggebende Unterschied liegt im Medium und daran, was es anspricht.
Der Text gibt Kontext, er erklärt was, warum und wieso. Er spricht an den Intellekt. Bilder zeigen uns: So war es. So sah es aus. Nicht mehr. Sie sprechen an die Emotion. Darin liegt ihre Kraft.
Wäre Abu Ghraib ohne die inzwischen ikonischen Fotos zu einem so großen Skandal geworden? Kaum. Wie hoch wäre die Spendenbereitschaft für Opfer von Krisen oder Naturkatastrophen, wenn es keine Bilder davon gebe? Ich befürchte sehr gering. Ohne Bilder bleibt meine Beschreibung des Abu Salim Krankenhauses abstrakt. Erst das Bild macht es real. Erst das Bild fordert – im Kontext der wörtlichen Beschreibung – zum Handeln auf.
Ob ich nun selber dieses Foto mache oder jemand anders ist irrelevant. Genau so ist meine persönliche Motivation irrelevant. Wichtig ist nur, dass Kriege, Krisen und Katastrophen kommuniziert werden – Intellektuell und emotional –, dass Unrecht nicht im Dunklen bleibt.
Erst am Abend nachdem ich in Abu Salim war wird mir klar, dass ich vermutlich die Zeugnisse eines Kriegsverbrechens gesehen habe, das die Abgründe der Revolution in Libyen zeigt. Und ich als Fotograf meine Legitimation mich in Kriegsgebieten aufzuhalten, einzig und allein daraus ableite, dass ich genau solche Szenen abbilde. Meine egoistische Motivation hat eine altruistische Legitimation.
Dieser Text wurde für Kraut, dem Magazin für angewandte Kultur des NRW-Forums, verfasst. Thema der Ausgabe war Kriegsfotografie.